y-chromosom
Beim Menschen wird das Geschlecht durch die Geschlechtschromosomen (gonosomale Chromosomen) X (Þ X-Chromosom) und Y bestimmt. Männliche Individuen besitzen je ein X- und ein Y-Chromosom, weibliche besitzen zwei X-Chromosomen. Alle männlichen Individuen erhalten ihr Y-Chromosom von ihrem Vater. Daraus folgt, dass, abgesehen von spontanen, zufälligen Mutationen, das Y-DNA-Profil jedes Mannes mit jenem seines Vaters, seiner Brüder und seiner männlichen Verwandten väterlicherseits identisch ist. Da Y-DNA-Profile nicht einzigartig sind, spielen sie in Straffällen eine untergeordnete Rolle.
Im IRM Basel werden jeweils 16 Þ STR-Systeme auf dem Y-Chromosom typisiert. Das Y-DNA-Profil wird als Haplotyp bezeichnet. Als Beweiswert kann nur die Häufigkeit des Vorkommens eines Haplotyps in Y-Datenbanken angegeben werden. Diese Häufigkeit ist nicht akkurat, da möglicherweise zahlreiche Verwandte mit dem gleichen Haplotyp nicht erfasst sind und lokale Häufung eines Haplotyps vorkommt.
Die Analyse des Y-Chromosoms kann hilfreich sein, wenn die Spur aus einer Mischung von DNA eines weiblichen Opfers und eines männlichen Täters besteht, wobei der Anteil an weiblicher DNA massiv überwiegt und die beiden Anteile nicht voneinander getrennt werden können. In solchen Fällen ist bei der Analyse autosomaler STRs aufgrund präferentieller Amplifikation der weiblichen DNA das männliche Profil nicht darstellbar. Da keine Straftäter-Datenbanken bestehen, ist die Analyse des Y-Chromosoms jedoch nur sinnvoll, wenn ein Tatverdächtiger vorhanden ist. Mittels des Y-Haplotyps kann ein Tatverdächtiger als Spurengeber ausgeschlossen, jedoch nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden.
Bei Abstammungsuntersuchungen kann die Analyse des Y-Chromosoms bei Defizientfällen als zusätzliches Hilfsmittel eingesetzt werden, z.B. wenn nur DNA des Grossvaters väterlicherseits und eines männlichen Kindes vorliegen.
So wie Þ mitochondriale DNA in der Abstammungslehre (Genealogie) zum Verfolgen der mütterlichen Linie herangezogen wird, kann anhand des Y-Haplotyps die väterliche Linie verfolgt werden. So wurde z.B. gezeigt, dass Thomas Jefferson (1743-1826), dritter Präsident der USA, nicht als Vater einiger der Kinder seiner Sklavin Sally Hemmings ausgeschlossen werden kann.
In neuerer Zeit wurden Haplogruppen nach geografischen und linguistischen Gesichtspunkten definiert. Die Zuordnung zu Haplogruppen wurde nicht anhand von STR-Analysen, sondern anhand von Analysen zahlreicher SNPs (single nucleotide polymorphisms = Variation in einem Nukleotid) auf dem Y-Chromosom vorgenommen. Da jedoch eine gewisse Korrelation zu den STR-basierten Haplotypen besteht, könnte die Analyse des Y-Chromosoms in Zukunft in der Forensik eine grössere Bedeutung erhalten, indem aufgrund der Haplogruppe gewisse Rückschlüsse auf die Herkunft eines Spurengebers möglich werden.